Manchmal fühlt man sich noch als Exotin

Ingenieurin werden, das ist nicht so einfach, denken viele Frauen. Einige Hamburgerinnen,
die technische Berufe ergriffen haben, wollen dem Nachwuchs Mut machen.

Deutschland wird nicht nur von einer Frau regiert. Diese Frau ist auch noch Physikerin. Ein Fakt, der auch im Jahr 2018 noch nicht alltäglich ist. Deshalb versucht seit elf Jahren die Hamburger Initiative NAT, mehr Mädchen für naturwissenschaftliche und technische Berufe zu begeistern. Nicole Schadewaldt und Susanne Strauß-Klick streiten beide für diese Sache. Sie selbst hatten seinerzeit noch keine Hilfestellung, als sie sich entschieden, Mathematik beziehungsweise Informatik zu studieren. Heute arbeiten sie bei zwei der großen Hamburger Arbeitgeber in der Technikbranche, Philips und Lufthansa Technik. „Mehr miteinander reden, mehr vernetzen, mehr zeigen, was möglich ist“ ist ihr Credo, um einerseits Mädchen die Angst vor einem Schritt in einen technischen Beruf zu nehmen und andererseits Frauen, die diesen Schritt bereits gegangen sind, Rückhalt zu geben. Ein Gespräch über das Ausgegrenztsein, coole Lehrerinnen und Lehrer und welche Rolle die Nationalität in der Zusammenarbeit zwischen Mann und Frau spielt.

WELT AM SONNTAG: Eigentlich sollte das Thema, über das wir heute reden, längst keines mehr sein. Warum ist es dennoch immer noch so wichtig, das Thema Mädchen in technischen Berufen voranzubringen?
SUSANNE STRAUSS-KLICK: Ich glaube, dass es immer noch in einem Teil der Bevölkerung den starren Glauben gibt, dass Mädchen mit Puppen spielen und Jungs mit mechanischen oder elektronischen Spielzeugen. Vor 30 oder 40 Jahren war das sicherlich noch extremer als heute. Aber dennoch: Auch dadurch fehlt es den Mädchen an Vorbildern, sowohl in der Familie, aber dann auch in der Schule, der Ausbildung oder später im Job. Denn es gibt zu wenig Frauen in unseren technischen Berufen. Deshalb braucht es uns als Botschafterinnen noch.
NICOLE SCHADEWALDT: Wobei es gar nicht so wenige von uns gibt! Aber das ist leider viel zu wenig bekannt. Deshalb müssen wir es immer wieder kommunizieren, damit Mädchen, aber vor allem auch deren Eltern wissen, dass es solche Berufschancen für ihre Töchter gibt – und dass es völlig normal ist, als Frau einen technischen Beruf zu ergreifen. Es muss ein gesellschaftliches Normalbild werden, das ist es nämlich noch nicht. Es mangelt weder am Interesse der Mädchen noch an den Studiengängen oder den Jobangeboten. Sondern schlicht daran, dass es gesellschaftlich noch nicht als normal empfunden wird. Auch, weil es an bekannten Vorbildern fehlt.

Nun haben bereits mehrere Frauen Nobelpreise gewonnen, wir haben eine Bundeskanzlerin, die Physikern ist – da sollte man meinen, dass das Thema in unserer heutigen Gesellschaft angekommen ist.
SCHADEWALDT: Man braucht Frauen, mit denen man sich identifizieren kann. Nicht für jeden ist Angela Merkel da die richtige Person. Es hilft, viele verschiedene Frauen zu haben, mit verschiedenen Ausbildungswegen, verschiedenen Berufen und verschiedenen familiären Situationen, um den Mädchen die Möglichkeiten aufzuzeigen.
STRAUSS-KLICK:
Bei mir war es seinerseinerzeit so, dass wir zwar eine Physiklehrerin am Gymnasium hatten, aber meine Motivation kam auch von den anderen Lehrern und Lehrerinnen und aus meinem Elternhaus. Zudem war Informatik damals auch noch relativ neu, was ich spannend fand. Ich denke, dass es Mentoren und Mentorinnen, coole Lehrer und Lehrerinnen braucht, die die Mädchen ermutigen: Probiert Dinge aus, seid neugierig, habt keine Angst, Fehler zu machen.

Was ja auch für jeden anderen Beruf gilt.
SCHADEWALDT:
Natürlich! Aber gerade für die naturwissenschaftlich-technischen Bereiche müssen wir Räume schaffen ohne Ausgrenzung. Man fühlt sich nämlich als Mädchen ganz leicht ausgegrenzt, wenn man sich für Mathe oder Physik interessiert.

Haben Sie das selbst erlebt?
SCHADEWALDT: Ja, das habe ich. In der 9. Klasse hatte ich einen Informatik- Lehrer, der mich am Ende der Stunde zu sich gerufen hat. Als dann alle anderen zur Pause draußen waren, hat er gesagt: „Du bist doch gut in Mathe. Es gibt da Aufgaben der Mathe-Olympiade, willst Du das nicht mal machen?“ Ich war völlig entsetzt, habe „Nein!“ gesagt und bin rausgelaufen. Ich habe gedacht: „Wenn ich das mache, dann bin ich raus bei den anderen, selbst bei den Jungs, dann bin ich ein Nerd.“ STRAUSS-KLICK: Dabei hat es der Lehrer doch vermutlich gut gemeint ... SCHADEWALDT: Hat er absolut! Später, als Mathematik-Studentin, habe ich dann lange diese Olympiade betreut. Aber damals in der 9. Klasse habe ich mich ausgegrenzt gefühlt. Und davon müssen wir wegkommen.

Wie könnte man das ganz konkret in Schulen schaffen?
STRAUSS-KLICK:
Frauen wie wir könnten mit in den Unterricht kommen und erzählen. Über unseren Weg und dass wir selbst komische Situationen in der Schule erlebt haben. Oftmals hab ich mir nach diesen Situationen gesagt: Jetzt erst recht! Im Informatik-Studium ging das dann so weit, dass ich mich gefragt habe: „Warum traust Du Dich nicht, eine Frage zu stellen? Warum sitzen nur die Schlaumeier – alles Männer – in der ersten Reihe?“ Daraufhin habenwir ein Frauenseminar gegründet und drei Semester darüber diskutiert, was uns beschäftigt, haben uns gegenseitig gecoacht, Informatikerinnen im Beruf besucht und uns gemeinsam auf unsere Bewerbungsgespräche vorbereitet. Diese Erfahrungen kann ich heute weitergeben.
SCHADEWALDT:
Es hilft ungemein, Frauen zusammenzubringen. Und manchmal eben auch nur Frauen. So habe ich an der Universität damals nicht begriffen, warum es nur einen Girls Day gab und die Jungs nicht hören durften, was wir Spannendes zu berichten haben. Da hat mein Professor gesagt: „Weil die Mädchen sich sonst nicht trauen, Fragen zu stellen. Und ich erwarte, dass sie mitmachen.“ Das fand ich dann super. Hier bei Philips haben wir eine Runde, wo sich Frauen treffen und etwa über Bücher diskutieren, die wir alle gelesen haben, oder aber auch über Situationen sprechen, die uns im Job passiert sind. Das zeigt einem immer wieder: Es gibt andere wie mich, die sich ähnliche Gedanken machen.

Ihre Berufe haben generell ja nicht nur mit Technik zu tun, sondern auch viel mit Menschen. Muss man das vielleicht künftig mehr herausstellen, dass eine Entscheidung für einen technischen Beruf nicht automatisch heißt, dass man dann nur noch mit Geräten zu tun hat?
SCHADEWALDT: Das ist absolut so. Bei uns in der Abteilung kann jeder seine eigene Nische finden, mit mehr oder weniger Kommunikation – unabhängig, ob Frau oder Mann.
STRAUSS-KLICK:
Dass es diese ganze Bandbreite gibt, das ist in der Tat unglaublich wichtig, das müssen wir den Mädchen vermitteln. Dabei ist das Ausprobieren ein ganz wichtiger Faktor.
SCHADEWALDT: Eine endgültige Entscheidung für die eine Stelle trifft man auch nicht mit 15 oder 25. Man muss sich ausprobieren! In der Schule, im Studium, selbst im Job noch. Eine Entscheidung für Mathe oder Physik oder Informatik legt einen nicht für immer auf einen bestimmten Arbeitsplatz fest.
STRAUSS-KLICK: Im Freundeskreis schicke ich die Töchter zu den Eltern von Freunden und Freundinnen, damit sie diese fragen, was sie machen – und was ihnen an ihrem Job gefällt. Das baut die Schwelle ab, Fragen zu stellen, und sich mit einem möglichen Werdegang auseinanderzusetzen. Bandbreite gibt, das ist in der Tat unglaublich wichtig, das müssen wir den Mädchen vermitteln. Dabei ist das Ausprobieren ein ganz wichtiger Faktor.
SCHADEWALDT: Eine endgültige Entscheidung für die eine Stelle trifft man auch nicht mit 15 oder 25. Man muss sich ausprobieren! In der Schule, im Studium, selbst im Job noch. Eine Entscheidung für Mathe oder Physik oder Informatik legt einen nicht für immer auf einen bestimmten Arbeitsplatz fest.
STRAUSS-KLICK: Im Freundeskreis schicke ich die Töchter zu den Eltern von Freunden und Freundinnen, damit sie diese fragen, was sie machen – und was ihnen an ihrem Job gefällt. Das baut die Schwelle ab, Fragen zu stellen, und sich mit einem möglichen Werdegang auseinanderzusetzen.

Jetzt klingt das alles relativ schlüssig und machbar, was Sie beide über Ihren Werdegang erzählen. Hand aufs Herz: Haben Sie in Ihrem Berufsleben auch einmal ein Problem mit einem Mann gehabt aufgrund Ihrer Jobwahl?
STRAUSS-KLICK: Ja, aber glücklicherweise kann ich die an fünf Fingern abzählen. Ich erinnere mich gut an eine Situation: Ich war damals Projektleiterin in einem Kundendienstprojekt. Das Projekt lief nicht richtig gut. Ich musste meinem Auftraggeber das berichten. Da hat er gepoltert wie ein Rumpelstilzchen  – und ich fühlte mich immer kleiner und kleiner. Ich konnte es nicht unterdrücken: Mir flossen die Tränen in dieser Besprechung. Ich war froh, als das Meeting zu Ende war.

Und dann?
STRAUSS-KLICK: Wurde ich wütend. Ich war so sauer, dass er kein einziges Mal gefragt hat, warum die Dinge so gelaufen sind oder mir Unterstützung angeboten hat. Aber das war auch ein Einzelfall. So etwas ist bei uns nicht üblich.

Wäre Ihnen das mit einer Frau so auch passiert?
STRAUSS-KLICK: Wahrscheinlich nicht. Ich habe mich auch schon mit Frauen über unterschiedliche Auffassungen im Job auseinandergesetzt. Aber wir haben uns nie erniedrigt. Die Auseinandersetzung blieb immer auf der Sachebene.
SCHADEWALDT: War der Mann, der so gepoltert hat, ein deutscher Kollege?
STRAUSS-KLICK: In dem Fall ja. Ich habe aber auch schon eine andere Erfahrung gemacht: Da ging es in Richtung Mobbing, woraufhin ich mit Unterstützung kompetenter Kolleginnen und Kollegen die Abteilung gewechselt habe. Unterschwellig spielte es sicher eine Rolle, dass ich eine Frau bin. Anschließend machte eine Kollegin eine ähnliche Erfahrung mit diesem Kollegen. Wir waren vermutlich zu starke Frauen für ihn.
SCHADEWALDT: Der kulturelle Hintergrund spielt sicher auch eine Rolle. Ich hatte dieses Problem zum Glück nicht, sondern durfte eine positive Erfahrung mit einer anderen Nationalität machen. Ich habe meine Diplomarbeit in Israel geschrieben, wo Frauen viel gleichberechtigter arbeiten. Dort, am Weizmann Institute of Science, habe ich in der Betreuerin meiner Diplomarbeit eines meiner großen Vorbilder gefunden. Sie war damals gerade mit ihrem zweiten Kind schwanger, und als ich dann zum ersten Mal schwanger wurde, habe ich sie angerufen. Und bevor ich etwas fragen konnte, hat sie gesagt: „Keine Sorge, Du bekommst das hin.“ Weil sie schon aus meiner Stimme die Sorge heraushörte, beides – Familie und Job – nicht vereinbaren zu können.
STRAUSS-KLICK: Ich muss jetzt doch noch einmal eines relativieren: Wir haben bei Lufthansa Technik immer mehr Frauen in verantwortlichen Positionen, die absolut respektiert werden, einen großartigen Job machen – und die auch noch mehrere Kinder haben. Wenn man sich einmal die Position erarbeitet hat, dann wird man geachtet und geschätzt. Nur manchmal fühlt man sich noch als Exotin.

Rechts finden Sie den Originalartikel (als PDF), DIE WELT vom 20. Mai 2018.