Kopf-an-Kopf-Rennen: Gestaltung schlägt Technik

01.10.2011

Den Bogen von der Theorie in die Praxis geschlagen: Dritter Brückenbauworkshop am Gymnasium Osterbek in Zusammenarbeit mit WTM, KED und der HCU. Ein Herz als Brücke, eine Krone oder doch lieber klassisch ein großer Bogen? „Hier können wir auch ganz viele bunte Lichterketten rein machen und dann leuchtet das wie eine Sonne.“ Denise sprudelt nur so vor Ideen, wirft Skizze für Skizze auf dem Arbeitstisch im Ingenieursbüro KED. Alexandra neben ihr hinterfragt: „Wird das damit nicht viel schwerer?“ Stefanie rechnet nach und Jerome stöhnt. „Das ist echt anstrengend.“ Was Physiklehrer Peter Kammann zu der Frage veranlasst: „Konstruieren Frauen anders als Männer?“

Frauen auf der Überholspur

So absolut kann Projektingenieurin Rita Röhner die Frage nicht beantworten. Schließlich ist jeder Brückenbau vom Entwurf bis zur Einweihung reine Teamarbeit. Das Ingenieursbüro KED hat über 100 Beschäftigte. Von den Ingenieuren sind mehr als ein Drittel Frauen. Ganz ähnlich ist es bei WTM, dem zweiten Kooperationspartner im Oberstufenverbund Gymnasium Osterbek:  „Die Frauen holen gewaltig auf“, sagt WTM-Bauingenieurin Christine Schulte. 

Initiative NAT, Thomas Rokos
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Ganz und gar nicht windig

Röhner und Schulte gestalten nicht nur für jeweils eine Schülergruppe die ersten beiden Projekttage im Brückenbau-Workshop. Die Bauingenieurinnen sind auch in der Jury vertreten, die am letzten Workshoptag die Modelle der Schüler beurteilt: Aus Buchbinderpappe, gestiftet von der Firma „Engel Karton+Papier“ bauen die Schülergruppen an der HafenCity Universität „Zwei-Meter-Objekte“, wie Professor Michael Staffa betont. „Das ist ein Objekt, das eine Spanne von zwei Metern hat und eine möglichst große Last tragen soll.“

Funktionalität mit Detail

Nicht unbedingt eine Aufgabe für Märklin-Fans, aber für Physiker, betont der Tragwerklehrer. Und für Architekten. Denn neben der Technik werden auch Gestaltung und Präsentation der Gruppenarbeit beurteilt. Genau dafür stehen die beiden weiteren Jurymitglieder Architekt Björn Wolke und Gymnasiallehrer Stefan Micheler: „Planung und Zeitmanagement sind wichtige Fundamente im Brückenbau“, so der PGW-Lehrer (Politik, Gesellschaft, Wirtschaft), der zum ersten Mal dabei ist. „Wer trotz eines schönen Entwurfs seine ganze Energie in sehr kleine Teile steckt, will am Ende nur noch eines: fertig werden.“

Initiative NAT, Thomas Rokos
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Initiative NAT, Thomas Rokos
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Zu wenig Zeit

Dieser Zeitdruck führe zum Pfusch oder zum unvollendeten Modell und das wird auch Alexandra, Denise und Jerome am Ende zum Verhängnis:  Sie haben sich für eine Trapezform entschieden, weil das sehr stabil ist, erklärt Denise. Dabei wollten sie die Seitenenden durch Dreiecke verstärken, die zwischen zwei Lagen Pappe befestigt werden. „Aber dazu sind wir aus Zeitgründen nicht mehr gekommen.“

Alle Anforderungen erfüllt

An eine sauberen und vollständigen Umsetzung wird deutlich, wo es mit dem Zeitmanagement besser geklappt hat:  Michael, Andrew, Nils und Alexander haben ein Objekt mit einem „Untergurt“ gebaut und durch ein Zweilagenfachwerk verstärkt. Sie hatten sogar noch die Zeit, die Brücke mit einem BVB-Logo zu verzieren und nach ihren Anfangsbuchstaben zu benennen: Die „Mana-Man“-Brücke erhält von der Jury, die beste Bewertung: „Das gute Stück kommt sportlich daher und man sieht auch die filigrane Arbeit“, lobt Björn Wolke den Blick durch den Querschnitt.

Starker Entwurf

Der Entwurf ähnelt dem von Gruppe eins: Daniel, Stefanie, Thilo und Yannick haben sich für eine große Bauhöhe entschieden, um den Druck durch Zugbänder nach außen zu verteilen. Eine robuste Konstruktion, die in der Gestaltung den zweiten Platz macht. „Das ist eine gute Idee, sieht ziemlich stabil aus und wird mit Sicherheit einiges aushalten“, prognostiziert Christine Schulte. In der Tat, auf der Waage und im Belastungstest am hydraulischen Zylinder sticht das Modell hervor: Die Brücke ist mit 11 Kilogramm die schwerste, aber auch die effizienteste. Sie hält einer Belastung bis zu  175,5 Kilogramm stand und schlägt damit auch noch den favorisierten Entwurf um 40 Kilo.

Initiative NAT, Thomas Rokos
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Verkannte Helden

In dem ausgeklügelten Bewertungssystem, das Tutor und Student Harald Pietsch bis auf drei Stellen hinter dem Komma ausrechnet, kommt dennoch der „Mana-Man“-Entwurf um ein paar Punkte besser weg: „Demnach wiegt die Erscheinung mehr als der Inhalt“, hinterfragt Peter Kammann das Ergebnis. „So ist es auch in der Praxis“, bemerkt HCU-Laborleiter Manuel Krahwinkel lakonisch. „Wenn einer die Farbe des Gebäudes festgelegt hat, wird der genannt. Wer die Statik verantwortet, fällt dagegen hinten runter.“

Nur eine Chance

Der Bauingenieur – das verkannte Wesen? Für Rita Röhner ist es aber auch in gewisser Weise der Reiz ihres Berufes: „Man hat mit Dingen zu tun, die der Normalbürger nicht sieht“, sagt die promovierte Bauingenieurin. Das sei sehr spannend. „Wir machen technische Lösungen für große Bauwerke, wie beispielsweise eine Schleuse.“ Die Herausforderung dabei: man hat nur eine Chance. „Ein Autobauer macht zehn Prototypen und fährt die alle gegen die Wand. Stürzt dagegen unser Bauwerk ein, gibt es Ärger.“

Die Technik im Hintergrund

Es sei denn, man ist noch Student oder Schüler, dann gehört das Prinzip, Tragwerke zu entwerfen, zu bauen und am Ende wieder zu zerstören, unbedingt in die Ausbildung: „Das ist ungemein lehrreich, weil man Schwachstellen erkennt und Grundsätze begreift“, sagt Professor Staffa. Dass die Schüler in der Projektwoche etwas lernen und dabei auch noch Spaß haben, sei das oberste Ziel des Workshops.
Gelernt haben die Schüler auf jeden Fall, dass zum Bauen genaues Planen und Maßnehmen gehört. Es ist auch dem Professor für Tragwerksentwürfe aufgefallen, dass in dieser dritten Brückenbauwoche zu wenig nach Plan gebaut wurde: „Wenn jeder einer anderen Bauplan im Kopf hat, muss das in die Hose gehen." 

Brücken schlagen

Damit schließt sich der Kreis von den Entwürfen, welche die Schüler in den Ingenieursbüro KED und WTM erarbeitet haben zu den Zwei-Meter-Modellen , von der Theorie in die Praxis: „Mir hat das Bauen an der HCU mehr Spaß gemacht“, sagt Denise, obwohl sie doch im Ingenieursbüro die schönsten Ideen hatte. Aber Papier sei halt geduldiger als die Praxis, meint die 15jährige. Professor Staffa wird es freuen.
Weil der Platz aber bei WTM bei einem wachsenden Physikprofil begrenzt ist, hat sich im dritten Jahr KED in die Brückenbauwoche eingereiht. Das soll auch im nächsten Jahr wieder so sein, hoffen die Osterbek Lehrer: „Das schafft eine völlig andere Lernsituation als in den Schulen und ist eine gute Vorbereitung auf das Studium“, bedankt sich Peter Kammann. „Ich hoffe, dass wir diese Kooperation weiter fortsetzen können.“ Aber ja doch: Eine tragfähige Brücke von der Schule in Hochschule und Wirtschaft, die reißt man so schnell nicht wieder ab.

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