Ehrung am Esstisch: Ich habe den Minister befragt

14.02.2013

Ganz am Anfang, lange bevor sich Peter Altmaier im KörberForum den Fragen der Hamburger Schüler stellt, steht eine andere Frage: Wie gewinnt man einen vielbeschäftigten Minister für die Diskussion mit dem Nachwuchs? Sabine Fernau hat darauf eine ganz eigene Antwort gefunden: Die Geschäftsführerin von NAT nimmt Altmaier in einem persönlichen Schreiben beim Wort – als jemanden, der Politik als Dienstleistung an der Gesellschaft versteht, der für die Energiewende Einzelinteressen zum Ganzen verbinden will und den Disput zu seinem Sport gemacht hat.

Aus der Reihe „Schüler fragen, Experten antworten“

„Im Mai 2011 haben wir eine Veranstaltung unter dem Motto ‚Fukushima und wie weiter‘ mit Pieter Wasmuth, Generalbevollmächtigter von Vattenfall, durchgeführt, an der fast 200 Schüler teilgenommen haben“, erläutert Sabine Fernau das Prinzip der schulübergreifenden Debatte, das sie zusammen mit dem Physikprofil am Friedrich-Ebert-Gymnasium ins Leben gerufen hat. Und setzt mit dem Bundesumweltminister noch einen drauf: Über 300 Schüler aus 12 Schulen schicken rund 80 Fragen an den Politiker, der dafür eigens von der Spree an die Elbe reist. In vier Blöcken werden diese abwechselnd zwischen Plenum und Podium umgesetzt, wobei die Abiturienten Silje und Malte, unterstützt von dem Journalisten Martin Meister, die Moderation übernehmen.

Ehrung am Esstisch
Ehrung am Esstisch
Ehrung am Esstisch
Ehrung am Esstisch

Schwerpunkt Energie: Minister gelobt Besserung bei der CO₂-Reduktion

„Ist die Bilanz der Energiewende wirklich positiv für die Umwelt?“, lautet eine Frage im ersten allgemeinen Teil. Altmaier holt weit aus, spricht von der Wende in seiner eigenen Partei, dem amerikanischen Fracking und neuen Kohlekraftwerken, die „alte abgeschriebenen Pötte“ endlich ablösen müssten. Keine klare Antwort, urteilen die Moderatoren und setzen noch einmal nach: „Demzufolge ist die Bilanz nicht positiv und wir haben sogar mehr Kohlekraftwerke?“ „Nein“, sagt Altmaier, „die Frage ist aber, haben wir mehr CO₂-Ausstoß?“ Noch liege man zwar mit den Minderungsanstrengungen im Zeitplan, aber die Reduktion von 40 Prozent bis 2020 sei eine „Menge Holz. Ich sehe die Entwicklung mit Sorge und verspreche Ihnen und euch, dass ich am Ball bleiben werde.“ Die Schüler im Saal applaudieren.

Erste Publikumsrunde: Energiewende als Jobmotor

Nun ist das Publikum an der Reihe, aber nur wenige Oberstufenschüler trauen sich ans Mikro: Ob nicht Atomkraft, Anpassung an den Klimawandel und Fusionskraftwerke Alternativen seien, sind drei erste Fragen. Meister will mehr: „Sie wollen doch heute Abend am Esstisch erzählen, ich habe den Minister befragt“, ermuntert er die Schüler – und schon gehen ein paar Finger hoch: „Wie wollen Sie die Energiewende im Ausland attraktiver machen?“ Für den Minister ist das ganz einfach: „Das Ausland wird sich dafür interessieren, ob es funktioniert – und deshalb muss es funktionieren. Ich möchte allerdings auch, dass man es anschauen kann.“ Altmaiers Idee: ein Haus der Energiewende in Berlin, das auch einen Investor aus New York überzeuge. Dazu eine Internetplattform der Problemlösungen: „Es gibt in Deutschland 380.000 Arbeitsplätze im Bereich der Erneuerbaren Energien. Aber das wissen die meisten Leute nicht.“

Ehrung am Esstisch
Ehrung am Esstisch

Schwerpunkt aktuelle Debatte: Strompreisbremse ausgebremst?

Weg vom Plenum, zurück zum Podium und damit zum zweiten Teil der Diskussion rund um das Gesetz für den Vorrang Erneuerbarer Energien, kurz EEG, und Altmaiers Strompreisbremse: „Warum haben Sie Ihre Pläne nicht abgestimmt?“, will Malte wissen. Der Minister betont, dass er sich natürlich mit seiner Abteilung und Vorgesetzten abgestimmt habe. Mehr aber auch nicht, weil er sich gute Ideen nicht zerreden lassen wollte: „Alle Maßnahmen, die Sie vorschlagen, werden gnadenlos kleingemacht“, schildert er ein Politikerleiden. Aber er habe die Beunruhigung wegen der steigenden Strompreise gespürt, nicht nur bei Menschen mit wenig Einkommen, sondern auch bei Handwerksmeistern und mittelständische Unternehmen. „Die Energiewende wird nur dann ein Erfolg, wenn die Leute sie innerlich akzeptieren und mittragen.“ Dazu gehörten bezahlbare Strompreise

Abschlussfragerunde: Ich sag dazu nix!

Über eine Stunde ist um – und längst nicht alle Fragen gestellt. Letzte Chance für die 300 Schüler im Plenum, aber nicht auf alles will der Minister eingehen. Etwa auf die Privatisierung der Energienetze in Hamburg. Das sei Ländersache und außerdem wolle er den Hamburger Bürgermeister für die Strompreisbremse gewinnen und nicht verärgern. „Ich sag dazu nix.“ Dafür sagt er zur Frage, ob Deutschland eine funktionierende Solarindustrie für die Energiewende benötige: „Ich halte es für wichtig, nicht für die Energiewende in Deutschland, aber für die deutschen Industrieinteressen, dass wir auf ausländischen Märkten vertreten sind, wenn jetzt die Energiewende in Afrika, in Asien richtig losgeht.“ Und schließt mit der Schülerfrage, warum er Bundesumweltminister geworden sei: „Na ja, ehrlich gesagt, das war das erste Ministerium, das die Bundeskanzlerin mir überhaupt angeboten hat. Und ich halte es neben dem Finanzministerium für das derzeit spannendste.“

Politik-Exkurs für Physiker

Die Schüler lachen. Sie haben an diesem Vormittag eine Menge über Politik gelernt. „Ich fand es schon interessant, allerdings nicht alle Fragen, weil ich selber auch nicht so das Hintergrundwissen hatte“, gesteht Clara. Die Elftklässlerin vom Carl-von-Ossietzky-Gymnasium (CvO) startet erst gerade mit ihrem Physikprofil ins Energiethema. „Wir haben Desertec als profilübergreifendes Thema und ich denke, wir werden da noch mehr darauf eingehen.“ Anders Mariko und Laura, für die das fächerübergreifende Energiethema schon ein Jahr zurückliegt. „Wir sind jetzt in Physik bei den Wellen“, betont Mariko. Insgesamt hätten sich die CvO-Abiturientinnen kürzere Antworten vom Minister und mehr Kontroverse gewünscht. „Das war mehr ein Interview als eine Debatte“, sagt Laura und hat doch noch ein großes Lob für die Schülermoderatoren parat: „Das war sehr souverän.“

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