Jugend schweißt zusammen: Zehntklässler in der Jungheinrich-Ausbildungswerkstatt

16.02.2015

Yannick trägt braunes Rindsleder vom Hals bis zum Knöchel, auf dem Kopf einen Helm und an den Füßen schwere Sicherheitsschuhe. Da kann man schon mal ins Schwitzen kommen. Vor allem, wenn draußen vor dem roten Kabinenvorhang junges Publikum jeden einzelnen Handgriff verfolgt. Yannick ist angehender Industriemechaniker im zweiten Lehrjahr beim Hersteller von Flurförderzeugen Jungheinrich. Seine Zuschauer sind Zehntklässler aus dem benachbarten Coppernicus-Gymnasium. Luisa hält ein Klemmbrett in den Händen und notiert draußen, was Yannick in der Schweißerkabine umsetzt. „T-Stoß“, „drei Lagen“, „Kehlnaht“, „stechend schweißen“ steht da. Wie bitte?

Eine Welt für sich

Das Schweißen ist eine Welt für sich. Mit einer spezifischen Sprache, hohen Sicherheitsanforderungen und eigenen Wettbewerben wie „Jugend schweißt“. Aber Luisa und ihre Mitschüler haben sich bereits in diese Welt eingearbeitet. Zumindest in der Theorie: „Wir haben uns im Chemieunterricht mit unterschiedlichen Schweißverfahren beschäftigt und diese in Gruppenarbeit präsentiert.“ Nun ist die Praxis dran. Da die Schüler aber aus Sicherheitsgründen nicht selbst schweißen dürfen, hat Ausbildungsmeister André Kolleß den Gästen eine Art Gutachterrolle mit Eigenaktivität zugedacht. Der halbe Chemieprofilkurs, der an diesem Tag in die Jungheinrich-Ausbildungswerkstatt gekommen ist, wird dafür noch einmal geteilt: Wenn fünf Schüler die Werkstücke mit der Feile vorbereiten, beobachtet und analysiert der andere Teil die Schweißer.

Jugend schweßt zusammen
Jugend schweßt zusammen
Jugend schweßt zusammen
Jugend schweßt zusammen

Ballett an der Feile

Das ist echte Rollenverteilung: Während die Azubis in den Schweißerkabinen so richtig in Fahrt kommen und dabei von den Schülern beobachtet werden, ist es beim Feilen andersherum. „Die Haltung ist wichtig“, erklärt Azubi Hendrik, als die Gymnasiasten die Schruppfeile bedienen, und gibt sich milde: „Das sieht gut aus, da braucht man nicht viel zu korrigieren“, lobt der 17-Jährige. Gut sieht es auf jeden Fall aus, wie die zwei Schüler und drei Schülerinnen den Baustahl bearbeiten. Rhythmisch, meditativ, fast wie Ballett. Aber ist es auch effizient? „Das dauert doch ewig“, sagt Luisa. Stimmt, aber das dauert selbst bei Meistern zu lange. Daher zeigt Kolleß seinen Gästen, wie ein Schneidbrenner den Stahl in 20 Sekunden bearbeitet, Schmelze herausschleudert und eine saubere Kante hinterlässt.  

Schweißen, brechen, checken

Wie wichtig Wirtschaftlichkeit in einem Industriebetrieb ist, lernen die Schüler auch an der Schweißnaht. Jeder bekommt am Ende sein eigenes T-Stück aus Baustahl an die Hand, um Verfahren, Besonderheiten und – bewusst eingebaute – Fehler im Team mit den Azubis zu besprechen: „Hier an der Schweißnaht erkennt man eine überhöhte Kehlnaht, das Werkstück weist auch Einbrandkerben auf. Es kann zu Bruchstellen kommen und das ist auch Materialverschwendung“, sagt Philipp fachmännisch. Sein „Proband“ – so Kolleß – wurde mit einer Elektrode gefertigt. Luisas Bauteil dagegen wurde mit Schutzgas hergestellt, wobei in der ersten Lage das Gas kurzzeitig abgestellt wurde. Sichtbar ist dieser Fehler unter den drei verschmolzenen Lagen nicht mehr. Also werden die Prüfstücke in der Presse wieder aufgebrochen. „Man erkennt schon deutlich Fehler“, sagt der Schweißlehrer, als er die Bruchstücke herumzeigt.

Jugend schweßt zusammen
Jugend schweßt zusammen
Jugend schweßt zusammen
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Schweißperlen auf Baustahl

Luisa muss lachen. Eigentlich sieht die aufgebrochene Naht ganz hübsch aus, schimmernd, glitzernd, lebendig: Wo soll da der Fehler sein? Erst im Austausch mit den Azubis wird deutlich: Poren im Schmelzgut oder Verbrennungen im Metall sind schwere Schweißfehler. „Das nennt man Porennest“, sagt Linus, der in der zweiten Schülergruppe an derselben Problemstellung gearbeitet hatte. Linus, Luisa und Yannick tauschen sich aber auch über Schule und Praxis aus. „Mir gefällt das Handwerkliche“, sagt Luisa. „Ich finde die Aufteilung in Kleingruppen gut und, dass man nicht nur gucken, sondern auch selbst Hand anlegen konnte“, lobt Saja die Exkursion ins Jungheinrich-Werk abschließend. Ob es denn nichts gäbe, was bei der anderen Kurshälfte besser zu machen wäre, fragt Koordinatorin Barbara Möbius. „Länger feilen“, scherzt Physiklehrer Klaus-Dieter Möller.

Die Kooperation zwischen Jungheinrich und dem Coppernicus-Gymnasium in Norderstedt zieht sich wie ein roter Faden durch das dreijährige naturwissenschaftliche Profil des Gymnasiums: Nach einem Auftakt im Werk mit gegenseitigem Kennenlernen sowie einer Führung durch die Produktion steht ein Praxistag Schweißen auf dem Programm. In Klasse 11 folgen eine Exkursion ins Duisburger Stahlwerk und Versuche zum Hall-Effekt in der Ausbildungswerkstatt. Zudem stellt Jungheinrich der Schule einen Demonstrator, d.h. ein Mini-Gabelstapler-Modell, zur Verfügung, an dem wesentliche Funktionen des Originals mittels Sensoren und Steuerelektronik nachempfunden werden können. Seitens des Unternehmens ist Werksleiter Dr. Oliver Lücke für die Kooperation verantwortlich.