Reflexionen über Raumakustik und Schallwellen

15.09.2017

Es beginnt mit einem leichten Säuseln, geht über in ein Zirpen, Zwitschern, dann in einen hellen A-cappella-Ton: Der Zuhörer glaubt sich in einen skandinavischen Feenwald entrückt, aber die sphärischen Klänge entspringen dem Großen Saal der Elbphilharmonie. An die 60 Mädchen zwischen 13 und 19 Jahren haben sich über die Stockwerke und Absätze verteilt, ihr rotes Oberteil macht deutlich, dass sie zusammengehören und gemeinsam lassen sie ihren „Regenvogel“ durch den Raum wandern. „Toll“, raunen Oberstufenschüler aus Hamm, als der Vogel gerade mit einem letzten Nachtschrei davongeflogen ist, „irre Akustik!“ Die Schüler gehören zu den 1300 jungen Gästen, die im Rahmen des zehnten Jubiläums der Initiative NAT den Großen Saal der Elbphilharmonie besuchen dürfen – und der „Mädchenchor Hamburg“ zum Programm.

Unikate für den schönen Schall

Nachwuchs spielt auf für den Nachwuchs – eine runde Sache, aber hatten die Akustiker beim Bau der Elbphilharmonie nicht vielmehr Klassik, allenfalls noch Jazz im Sinn? Nein, macht Hochtief Projektleiterin Heike Dölker im Gespräch mit Moderator Vince Ebert auf der Bühne deutlich. Die Akustiker haben es sich bestimmt nicht leichtgemacht, sie wollten den bestmöglichen Klang für Klassik und für experimentelle Musik zugleich und dafür haben sie selbst experimentiert, gemessen und bewertet. Eben die Schallwellen im „Typ Weinberg“, bei dem die Bühne sich im Zentrum des Raumes befindet und die Ränge darum herum gruppiert werden. Das sei natürlich viel schwerer zu berechnen als beim rechteckigen „Typ Schuhschachtel“, wie in der Laeiszhalle, betont Heike Dölker.

Hört sich irre gut an

Physik und Informatik, Hand in Hand

Dass es dennoch geklappt habe, sei der Informatik zu verdanken: „Man hat ein 3-D-Modell gebaut und damit berechnet, wo das Material dicker sein muss, um den Schall besser zu absorbieren, oder wo die Einfräsungen tiefer sein müssen.“ Aber damit nicht genug: „Anschließend wurden in einem luftdicht abgeschlossenen Modell im Maßstab 1:10 Schallwellen erzeugt, natürlich auch im Maßstab 1:10, und dann an jeder Stelle gemessen, wie der Schall ankommt.“ Schließlich ist ein guter Höreindruck keinesfalls nur eine subjektive Angelegenheit, vielmehr gibt es physikalische Parameter, die innerhalb gewisser Grenzwerte bleiben müssen, wie die Nachhallzeit, also der Zeitraum, in dem der Schalldruck beim Verstummen einer Schallquelle auf das Tausendstel seines Anfangswerts abfällt, Reflexionen oder die Ausgewogenheit des Schallspektrums.

Gänsehaut-Feeling im Weinberg

Eine erfolgreiche Planung der Konzertsaal wird den akustischen Ansprüchen der Besucher offenbar gerecht. Das gilt zumindest für den Act des Mädchenchors Hamburg, denn die Begeisterung ist groß, egal auf welchen Plätzen die Zuhörer sitzen: „Wow, da lief mir ein Schauer über den Rücken. Die haben die Akustik der Elphi super in Szene gesetzt“, so Andreas Spangenberg, Physiklehrer am Matthias-Claudius-Gymnasium. Insgesamt machen die Reaktionen deutlich: Die Mischung aus Musik, Information und humorvoller Moderation kommt gut an. „Das Programm war so bunt und vielfältig, ich denke, das gab es in der Elphi bisher so noch nicht“, meint Webdesigner Thorge Larson. Dass die Schüler bis zuletzt im Fokus standen, dazu hat auch die Rede Lothar Dittmers beigetragen. Der Vorstandsvorsitzende der Körber-Stiftung selbst zeigt sich noch am Folgetag inspiriert: „Es war der richtige Rahmen und es war ein tolles Programm. Werbung pur für ‚unsere‘ Initiative und für MINT in Hamburg!“