Junges Orchester Hamburg vor Premiere in der Elbphilharmonie

04.08.2017

Erst kam die Musik, dann die Physik, schließlich die Entscheidung: Nach dem Abitur hatte Simon Bittmann zwei berufliche Optionen im Sinn – und wählte das Studium der Schulmusik. „Ich wollte das wenigstens ausprobieren.“ Eine persönliche Bereicherung sei das gewesen, aber für ihn ohne Berufsperspektive, so das Fazit des Pianisten und Hornisten nach zwei Jahren. Als er dann zu den Nanowissenschaften wechselte, holte ihn die Musik wieder ein: „Ein Kommilitone hat im Jungen Orchester gespielt und mich dann ein Semester lang bearbeitet, dort auch mitzumachen.“ Mit Erfolg! Inzwischen leitet Bittmann die Bläserproben im Orchester und trifft auf viele Gleichgesinnte: Menschen wie Mathilde Cordellier, Junior-Professorin in Populationsgenetik an der Universität Hamburg – und von klein auf begeisterte Oboistin: „Die Musik war immer ganz wichtig, aber nie ein Berufsweg, dazu hätte ich viel zu viel üben müssen.“

Wie entflamme ich Naturwissenschaftler?

Zwei Herzen in einer Brust, am 12. September schlagen sie im Takt: Das Junge Orchester spielt zum zehnten Jahrestag der NAT in der Elbphilharmonie. Die Idee, das Jubiläum der Initiative für mehr MINT-Nachwuchs in einem Jahrhundertbauwerk aus Technologie, Experimentierlust und Ingenieurskunst zu veranstalten, hatte Sabine Fernau schon vor fünf Jahren. Aber da war das Konzerthaus noch eine Baustelle. Als dann klar war, dass es zum zehnten Jahrestag klappen könnte, erntete die NAT-Geschäftsführerin viel Kopfschütteln: Die Kommentare reichten von „kein Ingenieur setzt sich da rein“ bis zu „zehnmal teurer als geplant – und das Geld fehlt nun uns für Lehre und Forschung.“ Aber dann entstand die Idee, die Hochschulen über akademisch ausgerichtete Orchester einzubinden: „Und Frau Nöbbe empfahl das Junge Orchester Hamburg.“

Beethoven zum Auftakt

Was Susanne Nöbbe, Leiterin des Schulcampus an der HAW Hamburg, allerdings damals verschwieg: Auch ihre Tochter spielt als Cellistin im Jungen Orchester (JOH) mit und zählt damit ebenfalls zu den Musikamateuren mit professionellem Ehrgeiz. Sarah hat erst Noten, dann das Alphabet gelernt, möchte aber Musik nicht unter Druck, sondern zur Entspannung machen. Beruflich hat sich die 21-Jährige für eine Ausbildung zur Medizinisch-technischen Laborassistentin (MTLA) entschieden: „Das macht mir total viel Spaß, weil es so umfassend ist: Ganz viel Chemie, Biochemie und Mikrobiologie.“ Der einzige, der in der Gesprächsrunde aus der Liebe zur Musik tatsächlich einen Beruf gemacht hat, ist Emanuel Dantscher. Nachdem ihn das JOH zum Dirigenten gewählte hatte, nahm der studierte Klarinettist die Beethoven-Ouvertüre ins Programm auf – ein gelungener Start in die Zusammenarbeit. 

Wir wollen da sehr gut spielen

Zudem ein sehr feierlicher Auftakt, der nun die ausgeklügelte Klangwelt der Elbphilharmonie zum Schwingen bringen soll. „Es ist eine Herausforderung. Wir wollen da sehr gut spielen“, sagt Dantscher. Der Student der Fachrichtung Dirigieren ist sich seiner Verantwortung bewusst, will bestmöglich vorbereiten und Angst nehmen. „Selbst wenn man professionell Musik macht, spielt man nicht jeden Tag vor so einem riesigen Publikum und schon gar nicht in solch einer anspruchsvollen Akustik.“ Gerüstet sieht sich das Orchester durch jahrelange Erfahrung, es ist längst erwachsen geworden. Ein Beispiel dafür ist Florian Biebl, seit zwölf Jahren ist er mit von der Partie: „Das Schulorchester hat mir damals nicht genügt.“ Inzwischen ist der Cellist erster Vorsitzender im JOH und Doktorand im Institut für Nanostruktur- und Festkörperphysik – ein typischer Biebl. In Florians Familie gibt es erstaunlich viele Physiker und Musiker, sein 14-jähriger Cousin und Solist Maximilian wird das NAT-Jubiläum feierlich eröffnen – zusammen mit dem Jungen Orchester.

Da ist Physik drin